„Yes, I do“ – warum ich immer noch gerne in die USA fliege.

Aufmerksame Leser und die Instagramer unter Euch dürften vielleicht bereits mitbekommen haben, dass ich eine große Affinität für die USA habe. Begonnen hat diese „Reise“ in den späten 90er Jahren, in denen sich mein Englisch altersentsprechend noch in Grenzen hielt. Wir haben Verwandtschaft in den USA, die uns damals besuchen kam. Mit deren Reisebegleitung ist eine inzwischen wunderbare Freundschaft entstanden. Mit einer großartigen Klassenlehrerin stieg dann auch nochmal die Begeisterung für die englische Sprache und der Kontakt zu den Muttersprachlern intensivierte sich endlich. Fasziniert haben mich die USA also schon lange – an eine Fernreise dieser Art war für mich damals aus unterschiedlichsten Gründen aber nicht zu denken.

Top of the Rocks, 2016

Im März 2016 haben mein Mann und ich unsere Hochzeitsreise in die Staaten gemacht. Und was soll ich sagen? Ich habe mich auch in der Praxis umgehend ziemlich verknallt. Seither war ich zwei weitere Male dort, die Flüge für die nächste Reise sind bereits gebucht. Vorab: ich möchte hier nicht sonderlich politisch werden, vermutlich wird es in Ansätzen aber dennoch passieren, da es einfach derzeit ein sehr akuter Bestandteil dessen ist, mit dem ich mich häufig konfrontiert sehe und weswegen ich diesen Artikel überhaupt schreibe.

Ich mache keinen Hehl aus meiner Sympathie zu den USA und ich wüsste auch überhaupt nicht, warum. Man sieht es bei uns im Haus, man sieht es an meinem KFZ-Kennzeichen und auch an den Aufklebern, die sowohl am alten als auch jetzt am neuen Auto auf der Heckscheibe kleben. Ja, vielleicht bin ich etwas bekloppt – so wie die Leute, die überall BVB-Devotionalien stehen haben, um ihre Sympathie zu bekunden. Ganz automatisch kommen dem entsprechend natürlich immer mal wieder Fragen bei dem ein oder anderen bezüglich unseres Verhältnisses zu den USA auf. Vor einem Jahr noch war es wertfreier. Heute – nach den Ergebnissen der letzten Präsidentschaftswahl – kommen aber auch immer häufiger Anschlussfragen, die leider nicht mehr immer wertneutral sind und mir immer mal wieder einen kleinen Stich ins Herz versetzen. 

„Wie kann man bloß noch in die USA fliegen?“
„Wie kann man so ein Land mit unterstützen, dass einen solchen Präsidenten hat?
„Hast du keine Angst, wenn du da hinfliegst?“

Und das ist nur ein kleiner Auszug aus dem Fragenkatalog Interessierter und Irritierter. Ich möchte gar nicht mit jedem Deutschen immer direkt eine politische Diskussion über Missstände in den USA führen müssen und nur, weil ich in die USA Reise bedeutet das nicht automatisch, dass ich dort alles gutheiße. Genauso wenig möchte ich mit wildfremden Amerikanern über die Rolle unserer Bundeskanzlerin debattieren. Könnten wir nicht mal versuchen, Politik von Land & Menschen zu trennen? Ich bin mir sehr sicher, dass man an jedem Reiseland etwas aussetzen kann, allerdings stehen die USA medial natürlich sehr im Fokus.

Während der Hochphase des Wahlkampfes im Herbst 2016 habe ich das erste TV-Duell live in den USA verfolgen können und ich gebe zu: als vorab klar war, wer mit welchen Inhalten kandidiert, sagte ich meinem Umfeld noch voller Überzeugung: „Also wenn das passiert, dann fliege ich für die Dauer der Präsidentschaft nicht mehr in die Staaten!“.
 
Wie ihr feststellen könnt: ich bin gescheitert. Und das hat für mich mehrere Gründe – hier ist meine „warum ich trotzdem in die USA reise“-Bilanz und warum ein Land mehr ist, als seine Politik, erfahrt ihr in meiner kleinen ganz persönlichen Liebeserklärung an Land und Leute. Ganz subjektiv.
 
Und die ganz tiefe und etwas versteckte Botschaft ist irgendwie auch: Liebe gewinnt. Immer.


1. Die Menschen

Freundschaft kennt keine Nationalität, keine Herkunft, kein Alter, keine Hautfarbe, keine Sexualität.
So einfach ist das manchmal im Leben. Ganz privat und persönlich als Punkt 1 vorweg: ja, die Menschen sind mein „Hauptmotiv“. Ich spreche nun erstmal nicht von „den Amerikanern“ im Allgemeinen, sondern von Freunden im Besonderen. Für mich stehen diejenigen, die mir wichtig sind und die ich liebe grundsätzlich an erster Stelle. Und dabei ist es mir egal, ob sie nebenan wohnen, in Bayern, den USA oder ganz woanders. Das ist eine für mich ganz grundsätzliche Herzenseinstellung und nur wenige Faktoren könnten mich davon abhalten, Zeit mit diesen Menschen zu verbringen.

Top of the Rocks, 2016

Beim Schreiben habe ich jetzt tatsächlich „Pipi inne Augen“ – denn für mich ist das symptomatisch für eine innere Grundhaltung und bedeutet mir einfach so viel mehr als „ich werfe meine eigenen Prinzipien über den Haufen und fliege trotz allem weiterhin in die Staaten“. Für mich stehen „meine Menschen“ über jedem politischen System. Immer.


2. Die Landschaft

Die USA ist ein vielfältiges Land in vielerlei Hinsicht und hat auch landschaftlich einiges zu bieten.
Die Staaten sind beinahe so groß wie ganz Europa und dementsprechend kann man sich in Etwa vorstellen, wie sehr die Landschaft dort variiert.

Der Indian Summer beginnt im Hudson Valley (NY), 2016

Berge, Ozeane, Wüste, nahezu alle Klimazonen sind vertreten – das ist übrigens auch einer der Gründe, warum viele US-Amerikaner ihr Land für Urlaube eher selten verlassen. Oftmals wird ihnen Ignoranz gegenüber anderer Kulturen unterstellt – aber sein wird mal ehrlich: ein Großteil von uns verbringt die Ferien ja auch in Europa, überquert nicht für’s Skifahren den Ozean oder fliegt für einen Strandurlaub nach Florida. Und wenn dabei sogar weiterhin die Bequemlichkeit der eigenen Muttersprache genossen werden könnte, wäre das für viele Urlauber wohl ein Extraargument – zum Beispiel für die, die auf Mallorca ganz selbstverständlich mit sämtlichen Einheimischen Deutsch sprechen.

Einer meiner Lieblingsorte: Gray’s Beach (Cape Cod), 2016

 

One World Trade Center, 2016

Neben all den Landschaften gibt es natürlich auch noch die großen Metropolen, die nahezu alles denkbar mögliche bieten

können. Für jeden Geschmack ist auch hier etwas dabei – historisch und irgendwie ziemlich europäisch erscheint Boston.
New York City ist wohl der „Klassiker“ der USA-Reise und in sich so vielfältig, dass es einen eigenen Blogpost (oder mehrere) bedürfte, um dem Big Apple gerecht werden zu können. Los Angeles, San Francisco, Chicago, New Orleans – unterschiedliche Regionen, unterschiedliche Architekturen und kulturelle Prägungen machen jede Stadt zu etwas Besonderem und sind immer einen Abstecher wert!


3. Kultur(en) & Sprache

Die Vereinigten Staaten sind ein Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen. Nicht nur europäischstämmige Amerikaner prägen das Bild, sondern auch Immigranten aus unterschiedlichsten Einwanderungsgenerationen aus Asien, Afrika, Mittel- und Südamerika. Das bietet ohne Zweifel auch viele kulturelle Reibungspunkte, allerdings eine mindestens ebenso großartige Vielfalt in positiver Hinsicht. Es gibt nicht „den Amerikaner“, sondern eine große ethnische Bandbreite, die sich bereichernd auf die amerikanische Gesamtatmosphäre auswirkt. Wenn wir hier von „den USA“ sprechen, so denken wir meist an das „Amerika der Weissen“, das zweifelsohne in vielen Regionen auch überwiegt. Wer aber achtsam hinschaut, der spürt den Einflüsse anderer Kulturen, die das Land zu einem ganz besonderen, kulturell, kulinarisch und sprachlich bunten Ort machen – nicht ohne Grund nennen sich die USA auch „Salad Bowl“.

Chinatown, NYC, 2016

Begegnet man all dem mit Offenheit und Neugier, erhält man interessante Einblicke, beginnt aber bei kritischer Betrachtung auch die in den USA bestehenden ethnischen Konflikte nachvollziehen zu können. Egal, wie viel man in der Theorie wissen und sich angelesen haben mag: Vororterfahrungen colorieren das theoretische Bild im Kopf und verändern manchmal sogar die eigene mentale Skizze zu einem komplexen und bunten Gemälde. Und das empfinde ich als unglaublich bereichernd, ganz egal welches Land man bereist.

Kurzer Exkurs zur Sprache: ich liebe amerikanisches Englisch und bin schon absolut glückselig, wenn mir am Flughafen auf deutschem Boden oder in der Kölner Innenstadt amerikanische Wortfetzen in die Ohren fliegen. Nennt mich verrückt, aber da geht mir tatsächlich das Herz auf. Zu Hause höre ich amerikanische Radiosender und schaue in den USA produzierte Serien im Originalton. Manchmal kann Glück so einfach sein.

4. Die „anderen“ Menschen – Kommunikation, Service & Mentalität

In Cafés und an Supermarktkassen wird man meist mit einem freundlichen“Hi, how are you?“ begrüsst und gerne von völlig fremden Menschen mit Komplimenten überschüttet. Auf viele, gerade Deutsche und andere Europäer, wirkt das distanzlos, „falsch“ und oberflächlich, Amerikaner seien ja so künstlich und affektiert. Ich gestehe: ich mag es, wenn Menschen erst einmal freundlich, offen und ihrem Gegenüber zugewandt sind. Für mich spiegelt das eine positive Grundhaltung wider, die ich mir auch hier im deutschen Alltag viel häufiger wünsche.
In den USA zeigt sich diese Haltung vor allem gegenüber Kunden im Dienstleistungsbereich (yay, service nation!), lässt sich aber auch oft in anderen Alltagssituationen finden. Im dortigen Dienstleistungssektor ist es so, dass die Jobs der Menschen oft von positivem Kundenfeedback abhängen und Service daher groß geschrieben wird. Ich habe in den USA in relativ kurzer Zeit viele angenehme Erfahrungen als Kundin gemacht und für mich führt das dazu, dass ich mich in dem Land als Gast willkommen und wohl fühle und gerne dorthin zurückreise.

Da war zum Beispiel Julie – die Kellnerin im „Lobster Pot“ in Provincetown auf Cape Cod (solltet ihr jemals nach Cape Cod fliegen und seafood mögen: fahrt in den Lobster Pot!). Julie habe ich bei einer ihrer häufigen Fragen, ob bei uns alles in Ordnung sei, rückgemeldet, dass die Salatsauce unfassbar lecker sei, au0erdem fanden wir ein Hummergericht am Nebentisch optisch sehr interessant. 2 Minuten später stand sie strahlend mit den ausgedruckten Rezepten bei uns am Tisch und bat mich, diese doch mit nach Deutschland zu nehmen. Von Julie bekam ich übrigens auch den entzückendsten Kassenzettel aller Zeiten.

Dann war da noch die Mitarbeiterin im „The Cook Shop“ in Brewster (einer meiner Lieblingsläden auf Cape Cod!), die ich nach einem Milchkännchen im Schaufenster fragte, weil ich es im Laden nicht finden konnte. Sie rief umgehend ihre Chefin an, fand heraus, dass dies das letzte Exemplar „in stock“ war, konnte aber auf Grund der umfangreichen Dekoration und all der Porzellanprodukte nicht mal eben so während des laufenden Betriebs das Kännchen aus dem Schaufenster basteln. Sie bat mich, ihr meine Telefonnummer zu geben und sagte mir einen umgehenden Anruf zu, sobald ich die Kanne abholen konnte. Einige Stunden später fuhr ich glückselig mit meiner neuen Milchkanne nach Hause.

Natürlich gibt es auch hier in Deutschland kundenorientierte Mitarbeiter oder Geschäfte – das steht und fällt mit dem individuellen Mitarbeiter. Aber in den USA wurde mir das Gefühl der Selbstverständlichkeit von Kundenzufriedenheit viel flächendeckender und umfangreicher vermittelt, als es hier der Fall war.

Man ist einfach generell schnell mit den Menschen im Gespräch (der Rheinländer an und für sich ist von der Mentalität her in Sachen Kontaktfreudigkeit etwas vergleichbar) – ich empfinde Amerikaner tendenziell als offen, herzlich und oftmals auch interessiert und ganz egal, wie oberflächlich es eventuell erscheinen möge, in erster Linie sind sie doch erstmal eines: freundlich!

Und im Übrigen: den Amerikanern wird wie oben erwähnt gerne nachgesagt, sie seien oberflächlich. Das mag natürlich an der Kasse oder im Restaurant stimmen (ob ihr Euch heute morgen in aller Eile an der Bettkante den kleinen Zeh gebrochen habt, interessiert die völlig fremde Verkäuferin bei Trader Joe’s tendenziell tatsächlich nicht). Aber ich behaupte: wenn ihr die Menschen dort privat knackt, dann ist das „how are you doing?“ auch so ernst gemeint, dass man Eure Antwort abwartet.

5. Ich reduziere ein Land nicht auf seine politische Situation.

Punkt. Genauso wie ich nicht möchte, dass Deutschland von außen auf seine rechte Vergangenheit reduziert wird (und ja, auch das passiert noch viel zu häufig!), so wenig nachvollziehbar finde ich es, jedes andere Land für seine Politik oder Geschichte zu verurteilen. Denn ein Land ist mehr als die Politiker, die es regieren und die Geschichte, die in ihm geschrieben wurde. Mir stößt es auch jedes Mal sauer auf, wenn ich von „dem dummen Ami“ lese oder höre – Vorurteile finde ich abscheulich, um es mal so drastisch auszudrücken und mir tut es in der Seele weh, wenn ich solche abwertenden und verallgemeinernden Kommentare zu hören bekomme. Denn ich assoziiere „den Amerikaner“ (den es ja genau so wenig gibt wie „den Deutschen“ oder „den Chinesen“) nicht als erstes mit einem ungebildeten, pöbelelnden Waffenbesitzer, der fremdenfeindlich um sich ballert und politische Parolen schwingt.

„Imagine“ – Denkmal für John Lennon in den Strawberry Fields, Central Park, NYC

An was ich als erstes denke? An Menschen. Freunde, die sich Sorgen machen. Um sich. Um ihre Kinder. Um ihre Familien. Um andere. Um die Gesamtsituation, ihre Existenz. Und diesen Menschen tut man einfach unrecht, wenn man sie alle über einen Kamm schert und für eine Gesamtsituation verantwortlich macht, an der sie überhaupt nicht beteiligt sind.

6. Und sonst so?

Warum ich sonst gerne in die USA fliege? Hier noch ein paar Stichpunkte, die auszuführen nun den Rahmen endgültig sprengen würde:

  • für mich waren die USA ein innerlicher Befreiungsschlag – meine erste Reise alleine fand hier ihr Ziel und wird somit immer einen ganz besonderen, emotionalen Stellenwert für mich haben.
  • ich liebe die vielfältige Küche und sterbe für den homemade apple pie meiner Freundin, der aus dem amerikanischen Ofen natürlich viel besser schmeckt.
  • die amerikanische Architektur (die regional natürlich variiert)
  • Autofahren empfinde ich in den USA als unglaublich entspannend. Vielleicht nicht unbedingt mitten in Manhattan (und ja, das durfte ich dank der sehr zentral gelegenen SIXT Filiale auch schon erleben), aber auf den langen, geraden Interstates und Highways mit speed limit und Automatikgetriebe. Ein Träumchen!
  • ich als Opfer der Schreibwarenindustrie schlage meinen Zweitwohnsitz in den USA immer sehr gerne im Michael’s auf.
  • National Parks
  • es gibt kostenloses Wasser in den Restaurants – Deutschland, schneid‘ dir da mal eine Scheibe von ab!
  • das Essen – ich bin keine Vegetarierin, aber das vegetarische und vegane Angebot ist groß; die regionalen Küchen sind unglaublich vielseitig und abwechslungsreich und nicht alles ist „Pommes und Burger“.
  • Peanut butter cups, butterfinger, apple cringles und die kleinen Schokoeier von Cadbury – die USA sind mein Süßwarenhimmel!

Und zum Schluss?
Zum Schluss möchte ich alle auffordern, Vorurteile gegenüber sämtlichen Ländern und Kulturen zu überdenken und daran zu erinnern, dass überall wo Sonne ist auch Schatten existiert. Reisen erweitert den eigenen Horizont ungemein, ganz egal, wohin es geht. Gebt anderen Ländern und Kulturen eine Chance und bedenkt: nur weil vieles anders sein mag, ist es nicht „schlechter“ oder „besser“. 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.