Meine Angst heißt ‚Hildegard‘

In diesen Blogpost stolpere ich hinein mit einem Bekenntnis, das für diesen Blog neu ist: ich litt über Jahre (inzwischen möchte ich behaupten: beinahe zwei Jahrzehnte) an Angststörungen. Genauso möchte ich es kurz und knapp auf den Punkt bringen.

Und ich möchte euch Hildegard vorstellen.

Am 1. Januar 2018 habe ich auf Instagram (@kaethes.reise) die Aktion #tanzengegenangst bzw. #danceagainstanxiety gestartet, mit der ich darauf aufmerksam machen möchte, dass sich unglaublich viele Menschen täglich mit dem Thema „Angst“ konfrontiert sehen und möchte ein Zeichen gegen die Stigmatisierung von Betroffenen psychischer Erkrankungen (im Speziellen von Angststörungen) setzen. Daher tanze ich jeden Tag für die Länge einer „Instagram-Storyeinheit“ – zu Hause oder irgendwo der Straße – und teile es mit Euch. Ich möchte zeigen, dass hinter „den Angstgestörten“ Menschen stecken – mit Facetten, vielseitigen Talenten und Eigenschaften, die auf den ersten Blick durchaus unsichtbar bleiben, da sich die Symptome der Angststörungen wie ein dicker Sumoringer vor die Betroffenen stellen und sie beinahe unsichtbar machen.

Mein „Ich“ besteht nämlich nicht aus Angst. Mein „Ich“ ist im Kern ein fröhlicher, extrovertierter, geselliger und unternehmungslustiger Mensch, der gerne neue Impulse bekommt und Dinge ausprobiert.

Die Angst, mit der ich sehr lange gelebt habe, war für mich wie eine Spinnenplage in meinen eigenen vier Wänden. Eigentlich hocken Spinnen passiv in einer Zimmerecke, sind nützlich und hilfreich. Sie helfen, das Ökosystem in Ordnung zu halten und befreien uns von lästigen Schädlingen und Insekten – nämlich dann wenn sie sich ungeschickt in ihrem Netz verheddern. Spinnen  treten in der Regel nicht in unüberschaubaren Gruppengrößen auf und dürfen bei uns zu Hause daher gerne ihr Dasein fristen, um sich still und leise um Fliegen, Motten und Mücken zu kümmern.

Mit der Angst ist es ähnlich – sie ist eigentlich ein ungefährlicher Bestandteil unseres Lebens, der passiv im Hintergrund sitzt und uns dabei hilft, Gefahren zu erkennen, zu bewerten und setzt im Normalfall nur in akuten Situationen ein, in denen sie auch tatsächlich gefragt ist. Daher geht es beim Leben mit Angststörungen – für mich – auch nicht darum, die Angst für immer loszuwerden, sondern darum, selbstbestimmt gemeinsam mit ihr Leben zu können.

Wird die Angst übermächtig, ist es wie mit einer Spinnenplage in der eigenen Wohnung: du kannst ihr nicht mehr aus dem Weg gehen. Sie lauert überall dort, wo du hingehst. Irgendwann klebt sie so sehr an den Klamotten, wie feine Spinnenfäden an rauem Wollstoff. Man sieht sie nicht zwingend, aber sie ist da und vor allem: die kriegste ohne Hilfsmittel so leicht nicht mehr ab und schleppst sie daher überall mit hin. In Busse, Bahnen, Supermärkte, auf Feiern, zur Arbeit, in die Schule, zu Ärzten. Ü-ber-all.
Und ich sage euch: es ist unfassbar anstrengend.

Und in einem unerwarteten Moment bemerkst du auf einmal, dass dich neben den Spinnenfäden auch eine Spinne in deinem Mantelkragen begleitet hat, die dir zähnefletschend vor das Gesicht hüpft, weil sie denkt, plötzlich auch Eintagsfliegen völlig übertrieben von sich aus angreifen zu müssen. Bis sie sich mit einem „oh sorry, da hab‘ ich wohl gerade etwas übertrieben“ wieder in den Mantelkragen zurückzieht und so tut, als sei nichts gewesen. Aber man weiß genau: sie gibt zwar gerade Ruhe, aber welche Garantie hat man, dass Hildegard (alle Spinnen heißen bei mir Hildegard) sich nicht demnächst wieder aus Versehen völlig unangemessen vor mein Gesicht schmeisst und mich zu Tode erschreckt? Keine. Jedenfalls aus Sicht eines Angstpatienten.
Und dann bringt Hildegard irgendwann noch ihre Freunde mit, die Intensität des Schrecks verstärkt sich. Und so ist es auch mit der Angst.

Bei mir erhält alles einen Namen, das für mich im Leben eine gewisse Rolle spielt (Autos, Stofftiere, die ich vom Sperrmüll mitnehme – ich meine, hallo? Die haben Augen! Okay… manchmal auch nur noch eines. Die brauchen Namen und gehören nicht auf den Sperrmüll!) und daher taufte ich meine Angst auf den Namen ‚Hildegard‘. Schließlich ist sie ein nicht ganz unbedeutender Teil meines Lebens. Bis heute – denn ohne Hildegard wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.
Und: was einen Namen hat, ist ansprechbar und was ansprechbar ist, mit dem kann man zumindest einmal versuchen, ins Gespräch zu kommen!

Das schlimmste am Leben mit Ängsten ist, dass man irgendwann völlig generalisiert Angst vor der Angst hat.
Davor, dass Hildegard ganz theoretisch mal wieder mal übertreiben KÖNNTE.

Lange Jahre habe ich mit dem Thema hinter dem Berg gehalten, mich Situationen entzogen – es war mir nicht nur unangenehm, mich mit meinem Spinnwebenmantel unter Menschen zu begeben: ich war überzeugt: Hildegard hat sich wieder im Mantel versteckt und wartet nur darauf, mich erschrecken zu wollen. Diese Überzeugung wurde dann zu einer regelrechten Erwartungshaltung. Und mit dieser Erwartungshaltung wurden Gedanken in meinem Leben viel zu häufig zur Realität, weswegen ich sämtliche Unternehmungen zu vermeiden begann, bei denen Hildegard theoretisch hätte dabei sein können. Wie ich heute weiß: Vermeidung ist genau der falsche Ansatz, mit Ängsten umzugehen. Aber das sagt sich jetzt im Nachhinein so einfach.

Als Beispiel: meine schlimmste Panikattacke hatte ich mal auf der Autobahn in einer Baustelle. Einspurig, links und rechts von mir Fahrbahnbegrenzungen, keine Standspuren, vor mir ein LKW, hinter mir ein schwarzer BMW, der für mein Empfinden viel zu dicht auffuhr. Gefangen in der Situation. Bäms. Hallo Hildegard. Das sollte das letzte Mal (okay, das vorletzte Mal – ich musste nochmal nach Hause fahren) gewesen sein, dass ich für die Dauer von ca. vier Jahren alleine Autobahn gefahren bin.

Könnt ihr Euch vorstellen, wie lange man von Köln nach Mainz über Land fährt? Der Westerwald hat ja echt nette Ecken, aber ich hätte gerne darauf verzichtet, dass  ausgerechnet Hildegard mir diese Ecken von Deutschland zeigt.

Angststörungen schränken das Leben ein. Sie haben nicht nur Einfluss auf das eigene Leben, sondern auch auf das des näheren  Umfelds. Es ist einem unangenehm, zuzugeben, dass man unter psychischen Problemen leidet (und ja, in diesem Zusammenhang benutze ich die Wörter „Problem“ und „leiden“, denn für mich war es genau das) und daher versteht das Umfeld oftmals nicht, warum man auf einmal irgendwie „komisch“ wirkt.

Mir hat es geholfen, mich zu öffnen. Für mich war das – nach der Erkenntnis, dass das Leben mit Hildegard in dem Umfang nicht mehr gesund ist – der erste Schritt raus aus dem Mantel, in dem Hildegard wohnte und an dem all die Spinnenweben klebten.

Auf Instagram wurde ich häufig gefragt, was mir noch geholfen hat, Hildegard wieder zu Hause in die Zimmerecke zu setzen – dazu schreibe ich nochmal einen separaten und ausführlichen Artikel, der in den kommenden Tagen hier erscheinen wird.

2 Gedanken zu „Meine Angst heißt ‚Hildegard‘

  • Januar 28, 2018 um 5:05 pm
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    Dieser Blogpost trifft es so gut auf den Punkt, ich hätte meine Angst nicht besser beschreiben können.
    Danke dass du darauf aufmerksam machst und über deine Erfahrungen berichtest.

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  • März 21, 2018 um 3:00 pm
    Permalink

    Unglaublich berührende Worte sehr charmant verpackt. 🙂
    Toller Artikel!
    Psychische „Störungen“ sind so oft Begleiter und die Wenigsten wissen es. Man sollte sich nicht dafür schämen müssen und du bringst es super an den Mann (oder die Frau).
    Danke für deine Ehrlichkeit!
    Ich habe selbst die Mission über ein schwieriges Thema aufzuklären, um die Schambehaftung der Betroffenen zu mindern.
    Wir werden immer mehr und das ist unfassbar gut und so nützlich.
    Die Welt braucht Lichter für Themen der dunkelsten Nacht.
    Mach bitte weiter so!

    Von Herz zu Herz, von Kathi zu Kathi. 🙂 <3

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