Von Fernweh, „Ichweh“ und dem Loslassen von Ängsten


„On this day“ – eine schöne Funktion bei Facebook, damit man 

an Erinnerungen auch digital nochmal erinnert wird, falls die eigene, analoge Software mal Lücken aufweist.
Heute 
jährt sich dort eines meiner Lieblingsfotos – entstanden im März 2016 auf unserer nachträglichen Hochzeitsreise in den USA, genauer gesagt auf Cape Cod – einer wunderschönes Halbinsel im Atlantik. So schön, dass ich sie inzwischen auch als Tattoo auch auf meiner Schulter immer bei mir trage – allerdings erst seit meiner zweiten Reise dorthin im Spätsommer. Nicht nur geografisch sondern auch emotional bedeutet mir dieser Ort sehr viel.


Ja, ich bin ein sentimentaler Mensch, bade gerne in schönen Erinnerungen und helfe diesen gerne durch Fotografie und Videos auf die Sprünge. Vermutlich einer der Gründe, warum ich schon sehr lange, sehr gerne auf diese Art und Weise Momente meines und unseres Lebens dokumentiere.

Meine Kindheitsurlaube habe ich immer in Travemünde an der Ostsee verbracht. Das waren wunderbare Familienurlaube, die ich nicht missen möchte und die mir die Liebe zum Meer vermittelt haben – jedenfalls den Anteil, der nicht sowieso schon genetisch bedingt vorhanden ist.

Mit meinem Mann bin ich gerne in Deutschland, den Niederlanden und auch nach Österreich gereist. Dann kam der Frühsommer 2014, meine allererste Flugreise für vier Tage mit einer Freundin und viel Anhang nach Mallorca. Kathi am Ballermann. Unvorstellbar für die, die mich bis dahin kannten, mich eingeschlossen. Mit dieser Reise habe ich begonnen, mich in die Ferne zu verlieben und das Reisen für mich zu entdecken. So folgten seit 2014 vier weitere Flugreisen.

Reisen bedeutet für mich Freiheit und Erweiterung des eigenen Horizonts auf unheimlich vielen Ebenen. Auf jeder Reise lernte ich nicht nur einen Ort besser kennen, sondern auch mich selber – ich wachse an jeder von ihnen.

Im Wikipediaartikel steht über Fernweh „Fernweh beschreibt die menschliche Sehnsucht, vertraute Verhältnisse zu verlassen und sich die weite Welt zu erschließen.“ Allein das Verlassen vertrauter Verhältnisse ist für Menschen, die tendenziell sehr häuslich und nicht übermäßig risikobereit sind, ein großer Schritt auf die Welt zu – und zu sich selbst. Fernweh ist bei mir inzwischen sehr ausgeprägt und mit diesem Fernweh auch irgendwie ein „Ichweh“ oder ein „Michbesserkennenlernweh“.

Reisen beruhigt mich auf eine ganz besondere Art und Weise und bringt mich jedes Mal ein Stückchen näher zu mir selbst. Warum ist das so? Ich denke, das hängt damit zusammen, dass man sich automatisch mit sich selber auseinandersetzt, wenn man es mit seiner Umwelt tut. Und auf Reisen macht man das intensiver als im Alltagstrott. Sei es auf Grund anderer Sprachen, anderer Kultur, abweichender Mentalitäten oder der Tatsache, dass man auf Reisen eventuell mutiger wird, auch mal die Dinge zu tun, die man sonst nicht täte. „Wann bekommt man die Chance nochmal? Werde ich jemals nochmal hierher zurückkommen?“ Ich weiß es vorher nie, daher koste ich die Momente umso intensiver aus.

Zu Hause ein Riesenrad betreten? Um Gottes Willen, darauf kann ich echt gut verzichten. In London auf’s London Eye gehen, um die Stadt von oben zu sehen? Klar! Eine dezente Panikattacke ganz oben in der Gondel hin oder her – ich habe es gemacht, bin daran gewachsen und im Nachhinein stolz auf mich selber. Würde ich es wieder tun? Yep!

Ich freue mich über Inspirationen und Impulse, die ich von den Reisen für immer mitnehme – ob gegenständlich oder im metaphorischen Sinne. Man erweitert Gewohnheiten, lässt eventuell bestehende Vorurteile fallen und ein Blick über den Tellerrand regt zumindest in meinem Falle total die Selbstreflexion der eigenen Gewohnheiten an.

Und es erweitert meine bisherigen persönlichen Grenzen. Ich war nie ein risikofreudiger Mensch und auch mein Magen ist zugegebenermaßen nicht sonderlich reisebustauglich (im Freiwilligen Sozialen Jahr lief ich unter „Kathi… Das ist doch die, die auf der ersten Fahrt in den Bus gekotzt hat, oder?“. Traumhaft.), daher hatte ich vorab schon richtig Bock auf die ersten Turbulenzen im Flugzeug. Und ich habe auch hier etwas Neues gelernt: im Flugzeug muss ich mich nicht übergeben. Vermutlich hat mein Körper vor lauter Stoßgebetlitanei und „in Sitzlehnen- und Sitznachbarnhändekrallen“ gar keine Zeit für Reflexe. Naja. Hauptsache, der Mageninhalt bleibt drin.

Trotz all dieser für mich unangenehmen Situationen: ich liebe es, mich mit ihnen zu konfrontieren, denn sie geben mir die Möglichkeit, die Welt kennenzulernen. Und eben auch mich selbst. Der eine braucht stoffliche Drogen, „um sich zu spüren“, ich brauche Reisen. Fliegen wird vermutlich nie mein größtes Hobby werden, aber für mich ist es inzwischen unumgänglich und jedes Flugzeug am Himmel lässt mich sofort melancholisch werden.

Noch vor 4 Jahren hätte ich nicht gedacht, wie toll es ist, über seine eigenen inneren Grenzen bewusst hinauszugehen. Wie gut es sich anfühlt, sich zu konfrontieren und wieviel Endorphin so ein Körper ausschütten kann, wenn der Geist merkt: Angst lohnt nicht. Mut macht frei. Mut bereichert.

Jede einzelne Reiseerinnerung ist eine Belohnung dafür, etwas gewagt zu haben.

Also: raus mich euch. Probiert Euch aus, egal in welchem Zusammenhang.
Sucht bewusst Eure Grenzen, geht über sie hinaus und wachst. Es ist so, so schön!

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