Zu Hause

Die Tür geht auf – es riecht vertraut. Aber ich bin nicht in dort wo ich wohne oder in meinem Elternhaus angekommen, sondern zu Besuch bei Freunden in den USA. Nach 12 Stunden Anreise bin ich endlich am Ziel – in meinem „home away from home“.

Ich war erst zwei Mal hier. Das erste Mal auf der Hochzeitsreise mit meinem Mann, das zweite Mal mit meiner besten Freundin und jetzt bin ich ganz alleine 5800 Kilometer gereist, um nach meiner Staatsexamensarbeit ein paar Tage durchzuatmen. Und das kann ich hier auf Cape Cod, einer kleinen Halbinsel im Atlantik vor Massachusetts, (inzwischen) erfahrungsgemäß am besten.

Beim Überqueren der Türschwelle sagte meine Freundin 

„Welcome home“. Gleichzeitig strömten vertraute Gerüche auf mich ein. Der Geruch von Urlaub, Liebe, Freundschaft und der Yankee Duftkerze auf der Küchenarbeitsplatte, die still und meditativ vor sich hinbrannte.

In dem Moment dachte ich „Yep, hier bist du auch irgendwie zu Hause“ und fragte mich gleichzeitig, was dieses „zu Hause“ überhaupt für eine Bedeutung hat. Für mich und so ganz allgemein. 

 

Besonders viel Zeit für diesen Gedanken hatte ich, als ich mich morgens nach meinem Spaziergang zum Sonnenaufgang ausgesperrt hatte, mein Handyakku leer war und ich Ameisen und Raupen beobachtend um 5.45h auf der Terrasse saß.

Ich bin schon einmal zu dem Schluss gekommen, dass man mehr als ein zu Hause haben kann und „Heimat“ nicht gleichbedeutend mit „zu Hause“ ist. Natürlich fühle ich mich primär bei meinem Mann und unseren Tieren zu Hause. Allerdings kann ich unter bestimmten Voraussetzungen das zu-Hause-Gefühl auch woanders erleben, quasi konservieren und mitnehmen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und es ist wunderbar zu wissen, dass man auf dieser Welt mehrere Orte haben kann, an denen man innerlich ankommt.

Menschen

– Wenn Freunde zur Familie werden –

Mit meiner Freundin in den USA verbindet mich eine ganz besondere und etwas unkonventionelle Freundschaft. Wir nennen uns gegenseitig „sister from another mother“ – sie ist über 70, ich bin gerade erst 30 geworden. Es ist eine generationsübergreifende und enge „Freundinnenliebe“, die nach 20 Jahren des Sichkennens in den letzten zwei Jahren ganz unvorhergesehen intensiviert wurde und heute nicht mehr wegzudenken ist.
Ich lernte sie kennen, als sie in den 90ern eine Deutchlandreise unternahm und u.a. auch meine Familie besuchte. Ich mochte sie bereits als Kind schon sehr gerne, denn sie strahlte so eine humorvolle und warmherzige Ruhe aus, die ich bis dahin nur von wenigen Menschen kannte. Bei ihr ist man okay so wie man ist und genau das ist für mich auch die Voraussetzung für ein zu Hause: man muss sich nicht verstellen.

„Home is wherever I’m with you“ singen Edward Sharpe & the Magnetic Zeros in einem ihrer Songs und es ist schön, die philosophischen und lyrischen Inhalte von Songtexten persönlich erfahren zu dürfen und dem Gedanken „so haben die das also gemeint“ zu begegnen. Abgesehen von meinem Mann und meinen Eltern zähle ich maximal eine handvoll Menschen in diesen kleinen Kreis derer, auf die dieses Zitat anwendbar ist.

Auf meiner Anreise kam ich nicht an als das Flugzeug polternd den Boden berührte und der Gegenschub erfolgreich in den Turbinen dröhnte, sondern als ich durch den Zoll ging und meine Freundin an der Absperrung warten sah. Lachend, warmherzig und ruhig. Ja, für mich ist ein zu Hause vor allem definiert durch die Menschen, die es mit mir teilen.


Orte

Beim Überqueren der Sagamore Bridge, die das US-Festland mit Cape Cod verbindet, überflutete mich trotz aller Müdigkeit und Reiseerschöpfung ein warmes Gefühl und ich ertappte mich dabei, augenblicklich zu lächelnd zu entspannen. Eine wochenlange Last schien in den Cape Cod Canal unter uns zu fallen und mit einem nur für mich hörbaren, lauten Plumps darin zu versinken.

Als wir an unserer Ausfahrt den Highway 6 verließen und ich begann, Straßen und Häuser wiederzuerkennen und nicht nur innerlich, sondern auch räumlich genau zu wissen, wo ich mich befand, ploppte in meinem Kopf die „zu Hause“-Schublade zum ersten Mal bewusst auf. Wie schön es ist, das Wiedererkennen eines Ortes, an dem man sich wohl und sicher fühlt, weil man sich bereits ein wenig auskennt. Wenn die fremden Häuser nicht mehr alle fremd und gleich aussehen, sondern man sie anhand kleiner Details zuordnen kann. Wenn die Namen auf den Straßenschildern Erinnerungen an vorherige Aufenthalte aktivieren und eine innere Landkarte aufgerufen wird, die man sich bereits erarbeitet hat – in Kombination mit dem Menschen neben mir an meiner Seite weiß ich dann erneut: Ja Kathi, du bist irgendwie zu Hause.


Gewohnheiten

Zu Hause ist dort, wo man ohne Hilfe die Kaffeetassen findet und weiß wie der Geschirrspüler eingeräumt wird. Vor allem aber auch dort, wo man keine Bedenken haben muss, das System des eigentlichen Spülmaschinenbesitzers zu zerstören, weil man die Teller in die falschen Halterungen einräumt. Und es ist dort, wo man immer wieder einmal denkt „das ist bei mir genau so“. Dort, wo man mal die Kaffeetasse mit einem kleinen, kalten Rest einen Tag auf einem am Zimmerrand stehenden Couchtisch vergisst und dort, wo man sich am Kühlschrank ungehemmt bedienen kann.

Gestern morgen stand ich im Bad, duschbereit und bemerkte dann, dass ich meinen Kulturbeutel im Obergeschoss vergessen hatte und ertappte mich dabei, lediglich in meiner Unterwäsche bekleidet das Stockwerk zu wechseln. Erst als ich hinterher wieder im Bad war dachte ich „das würdest du woanders nicht einfach so machen“, schon gar nicht ohne vorher auch nur im Ansatz abzuwägen, ob das denn nun angebracht sei oder nicht. Die Adaption der deutschen Saunakultur und somit eine gewisse Souveränität mit wenig Bekleidung hin oder her – ich überlege schon sehr häufig, wie ich mich wo präsentiere. Nur eben nicht zu Hause.

Es sind die kleinen und manchmal auch etwas schrägen Momente, die in der Summe ein zu Hause ausmachen.


Sich respektieren und füreinander sorgen

Zu Hause, das ist für mich auch dort, wo man sich umeinander kümmert, wenn es mal nötig ist.
Oder im Gegenteil: dort, wo man dem anderen Freiräume gewährt, weil man spürt, dass es gerade einfach angebracht ist.

Man kann in seiner schlechtesten Leggings auf dem Sofa liegen und einschlafen, ohne das Gefühl haben zu müssen, ein schlechtes Bild abzugeben. Oder morgens um fünf übermüdet mit Jetlag am Küchentresen sitzen und ungeschminkt, ungeduscht und ausgelaugt am Kapselkaffee aus der Tasse nippen, die schon einen kleinen Sprung hat und aus Sentimentalität trotzdem nicht entsorgt wird. Ganz wie „im richtigen zu Hause“ eben. Nichts ist perfekt und genau das macht es umso perfekter und vollständiger.

Zu Hause ist für mich dort, wo man einander einen Tee oder Kaffee kocht, wenn es dem anderen nicht gut geht und ganz souverän „du bleibst jetzt mal sitzen, ich mache das“ sagen kann. Es ist eine Balance von Geben und Nehmen, die in einem zu Hause existiert und über die man sich gar keine Gedanken machen muss, weil sie naturgegeben einfach so vorhanden ist.

So saßen wir auf dem Weg vom Flughafen nach Hause im Auto und sprachen eine ganze Weile einfach mal nichts. Gar nichts und das können wir beide ziemlich gut. Diese sonst mit Menschen häufig unbequeme Stille tat gut und fühlte sich gemütlich an. Zu Hause ist also auch bei den Menschen, mit denen Schweigen keine unangenehme Stille verursacht – und davon gibt es erfahrungsgemäß nicht sonderlich viele.
Sich glücklich und entspannt in einer bequemen Ruhe fallenzulassen wie auf einer viel zu weichen Matratze, in der man tief versinkt – was für ein Segen diese Form eines zu Hause doch sein kann.


Vertrauen und Gefühle

Zu Hause – das sind vor allem die Dinge, die man nicht sehen kann und dazu gehört ein großes Vertrauen in die einen umgebenden Menschen. An Tagen, an denen ich bei meiner Freundin nicht achtsam auf der Terrasse sitzen und viel zu dicke Eichhörnchen im Garten beobachten möchte, oder wie jetzt am Küchencounter sitze und schreibe, nehme ich ganz selbstverständlich ihr Auto und fahre einfach los. Der viel zu große SUV schenkt mir an einem Ort, an dem ich aus Ermangelung eines eigenen Autos eigentlich nicht mobil bin, Freiheit. Und diese Freiheit wird lediglich dadurch ermöglicht, dass mir ein Mensch (nicht gerade erschwingliche) Bestandteile seines Lebens anvertraut. In einem anderen Land mit zugegebenermaßen etwas schlechteren Straßen, anderen Verkehrsregeln und manchmal sehr ungeduldigen Mitverkehrs- teilnehmern.

Im Hinblick auf das Auto sind diese Bestandteile materiell, aber auch ideell und emotional wird hier viel geteilt.

Wir saßen schon zusammen auf dem Sofa, als meine Freundin alte Briefe ihrer Mutter hervorkramte, vorließ und zuerst ihr und dann auch uns die Tränen kamen. Man teilt. Momente. Gefühle. Erlebnisse. Dinge.


Zu Hause…

Wenn mich nun jemand fragt, was für mich „zu Hause“ bedeutet, so kann ich das für mich wie folgt beantworten:

es ist ein Rückzugsort an dem mein Herz glücklich ist, ich mich verstanden und akzeptiert fühle, an dem Eitelkeiten keine Rolle spielen und auch die Muttersprache nicht zwingend identisch sein muss.

Zu Hause – es ist wie eine gute Freundschaft, deren GPS-Koordinaten variieren können.

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