Von Prioritäten & dem Schreiben

Selten sind sie, diese Momente in denen ich die Muße für einen Blogpost finde.

Meist überkommt mich der Schreibdrang im Urlaub, dann wenn mich der eigene Alltag nicht ablenkt und zu sehr vereinnahmt.

Heute allerdings sitze ich zu Hause auf der Terrasse – es ist Sonntag und ich hatte den tiefen Drang, mich mit einem Wein in die milde Abendsonne zu setzen und zu schreiben.

So oft denke ich in letzter Zeit: „da könnteste ja mal was drüber schreiben, aber wen interessiert das? Du müsstest das Thema theoretisch fundieren, aufwerten, wissenschaftlich oder anderweitig polstern.“

Aber geht es denn überhaupt immer darum, dass man grundsätzlich nur anspruchsvolle Zeilen verfasst? Dient das Schreiben nicht manchmal auch einem total egoistischen Selbstzweck, nämlich der Seelenhygiene des Autors? Und ist dieser Grund nicht genauso legitim wie der der Wissensvermittlung? Vermutlich hat mich mein Unistudium total unrealistisch geprägt: Fakten, Fakten, Fakten. Bitte mit diversen Belegen und Quellenangaben von Prof. Dr. aus Cambridge und wehe, ich kann eine Theorie nicht stützen.

Aber in meinen Texten bin ich meine eigene Primärquelle. 

Jeder, der schon einmal nur so für sich in einem Tagebuch oder eventuell (mehr oder weniger anonym) öffentlich in Form von Beiträgen in Foren, sozialen Medien oder andernorts Inhalte preisgegeben hat, die ihn beschäftigen, weiß vermutlich wovon ich spreche wenn ich sage: zu schreiben reinigt die Seele.

Ich schreibe gerne, aber ich kann es absolut nicht auf Knopfdruck. Ich weiß, dass einigen Menschen aus meinem Umfeld mein Schreibstil gefällt und mich daher auch schon gebeten haben, für sie den ein oder anderen Text zu verfassen. Aber ich bekomme es schlichtweg nicht über die Finger, als irgendwie doch Aussenstehende über etwas zu Schreiben, das ich so nicht erlebt, gefühlt oder gedacht habe. Ganz egal, wie sehr ich den Menschen dahinter mag. Ich bin gerade dabei, aber ich versage kläglich. Vermutlich wäre ich eine grottige Journalistin, aber bin ich daher automatisch auch eine grottige „Schreiberin“, die keine Berechtigung hat, ihre mehr oder weniger profanen Gedanken zu publizieren? Ich denke nicht.

Kunst muss nicht jedem Gefallen und Essen nicht jedem schmecken, eine Berechtigung haben sie dennoch.

Nun, ich könnte euch momentan total viel erzählen. Von Freundschaft, Dankbarkeit, innerer Entwicklung im Allgemeinen und Themen, die mich generell sehr bewegen. Von der Frage, warum ich mich auf einmal innerlich umsortiere und wie unfassbar gut es sich dieses Ausmistgefühl anfühlt. Es ist, als hätte jemand in meinem Badewannengehirn den Stöpsel gezogen. Zugegeben: mein Abfluss ist etwas verstopft, weswegen alles nur nach und nach abfließt und nicht mit einem theatralischen Strudel in der Kanalisation des Lebens versinkt.

Davon, dass sich dieses Ausmisten in meinem Falle nicht nur auf materielle Dinge bezieht, sondern auch auf Menschen und sich mein Verhaltensrepertoire in alltäglichen Situationen ebenfalls in vielerlei Hinsicht in eine für mich sehr entspannte Richtung bewegt.
Das klingt nun vielleicht egoistisch oder narzisstisch, aber letztlich bin ich es, die 24 Stunden am Tag mit mir Leben muss. Täglich. Also liegt der Gedanke nahe, dass ich in meinem Leben die Priorität sein sollte.

Natürlich möchte ich damit niemandem schaden und nicht alles passiert bewusst, aber ich kann die ein oder andere Verletzung oder Kränkung nicht ausschließen. Wobei ich da bei der Frage wäre: inwiefern muss ich mich dafür verantwortlich machen und inwiefern muss sich diejenige Person eventuell fragen, ob ihre Erwartungen an andere Menschen nicht zu hoch scheinen mögen? Das klingt nun vermutlich dramatischer und sozialinkompatibler als es ist – ich bin durchaus zu soliden Bindungen fähig (und ja, da ist sie wieder, die Rechtfertigung. Wer meinen YouTube-Kanal verfolgt, der weiß nun, wovon ich rede).

Papperlapapp, was ich eigentlich sagen will:

passt auf euch selber auf, seid ab und an mal eure eigene Priorität und hört auf Eure innere Stimme. Und wenn ihr das einigermaßen gut hinbekommt, könnt ihr wunderbare Partner, Freunde, Schwestern, Neffen und Kollegen sein. Dass man auf sich selbst Acht gibt und andere Menschen dennoch wunderbar ins Leben passen, ist kein Widerspruch – für mich ist ersteres eine Voraussetzung.

Wovon ich noch berichten könnte?

Von meiner Entwicklung vom Ja- zum Neinsager, in der ich immer noch stecke; von Familie im Allgemeinen und Speziellen; der Neuentdeckung von Liebe in einer Beziehung, warum mein Mann schon wieder ohne mich verreist und auch, warum ich ihn fast geschüttelt hätte, als er mich nach einer Erlaubnis dafür fragte. Von neuen Projekten und dem immer noch existierenden Gefühl, mich auf am besten 500. Hochzeiten gleichzeitig ausprobieren zu müssen und der gleichzeitigen Entwicklung hin zu „eins nach dem andern“. Von Ängsten und dem befreienden Gefühl, sie nach und nach loszuwerden.

Ich platze innerlich und ich habe das Gefühl, ich muss mit meinem Gedanken irgendwo hin. Und dann schreibe ich doch wieder nicht, weil ich denke: interessiert doch eh keine Sau oder, weil ich keine Zeit habe. Abends im Bett holen mich dann viel zu viele vorlaute Gedanken ein, die am Tag verstummt waren.

Ob ich zu all den oben genannten Themen etwas veröffentlichen werde? Keine Ahnung. Aber ich schenke nun noch ein Glas Wein nach, schließe Word, öffne mein Bullet Journal und beginne, mir Notizen zu machen. Einfach so. Random. Über mich und das, was mich umtreibt.

Weil ich gerade meine Priorität bin.

 

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